Nach oben

„Hochpreisphase wird kein einmaliges Event bleiben“

Der Markt für Regelenergie ist aktuell durch ungewöhnlich hohe Preise geprägt. energate sprach mit Christof Petrick, Leiter Portfoliomanagement des Energiehändlers Energy2Market (e2m), über die Ursachen und die Geschäftschancen, die sich daraus für einzelne Marktteilnehmer ergeben können.

energate: Herr Petrick, die Preise im Regelenergiemarkt waren in den vergangenen Wochen ungewöhnlich hoch. Welche Ursachen haben Sie dafür ausgemacht? 

Petrick: Tatsächlich sind seit Mitte April die Leistungspreiserlöse am deutschen Markt für Sekundärreserve (SRL), insbesondere in der positiven SRL, signifikant angestiegen. Seit Anfang Mai ziehen auch die negativen Leistungspreise stark an. Die Gründe hierfür sind vielfältig. So sehen wir ein verringertes Angebot seitens der präqualifizierten Marktteilnehmer bei gleichbleibendem Bedarf seitens der Übertragungsnetzbetreiber. Das reduzierte Angebot ist eine direkte Konsequenz saisonaler Wartungsarbeiten nach der Wärmebedarfszeit im Winter. Im Vergleich zu den Vorjahren fallen die Wartungsarbeiten in diesem Frühjahr allerdings deutlich größer aus, da im vorangegangenen Jahr der erste Lockdown für Unsicherheit gesorgt hat und so einen Verzug, insbesondere von nicht notwendigen Wartungsarbeiten, hervorgerufen hat. Zusätzlich treiben die gestiegenen CO2 Preise insbesondere den Wert für positive Flexibilität von konventionellen Anbietern in die Höhe. 

energate: Wer sind die Gewinner dieser Hochpreisphase und wie lange könnte dieser Trend anhalten? 

Petrick: Gewinner sind insbesondere flexible Anlagen, die für die entsprechende Regelenergie präqualifiziert sind und aktiv am Markt teilnehmen können. Hierzu zählen unter anderem hochflexible und mehrfach überbaute Biogasanlagen. Für kleinere Marktteilnehmer besteht diese Möglichkeit aufgrund der hohen regulatorischen Anforderungen an die IT-Infrastruktur des Anbieters nahezu ausschließlich unter Zuhilfenahme eines Aggregators und als Teil eines Pools aus einer Vielzahl solcher Anlagen. Über das Virtuelle Kraftwerk der e2m nehmen aktuell mehr als 1.000 Kunden aktiv an der Regelenergie teil und sorgen so für einen signifikanten Beitrag zur Netzstabilität. 

Wir gehen aktuell davon aus, dass die Hochpreisphase, in der wir uns seit etwa sechs Wochen befinden, kein einmaliges Event bleiben wird, sondern eher einen Blick in die Zukunft darstellt. Die fundamentalen Randbedingungen, wie etwa der Ausstieg aus der Kohle- und Kernenergie, die Steigerung des EEG-Anteils auf 65 Prozent am Bruttostromverbrauch bis 2030 und die Verknappung von CO2 Zertifikaten mit Start der vierten Handelsperiode zu Anfang des Jahres sprechen dafür, dass Flexibilität auch in Zukunft einen hohen Wert haben wird. Die Regelenergie trägt hierbei eine besondere Verantwortung für die Netzstabilität. Diese Verantwortung – verbunden mit den steigenden technischen Anforderungen – wird auch in Zukunft für interessante Preise in der Regelenergie sorgen. 

energate: Im Januar mussten die Übertragungsnetzbetreiber zwei Monate nach der Einführung des neuen Regelarbeitsmarktes eine Preisobergrenze von 9.999 Euro einziehen. Hat sich das System inzwischen eingependelt oder sehen Sie die zweigeteilten Auktionen – wie andere Marktteilnehmer auch – als gescheitert an? 

Petrick: Wir hatten uns bereits im Rahmen des Mischpreisverfahrens dafür ausgesprochen, die Preisobergrenze zunächst auch mit Einführung des Regelarbeitsmarktes bestehen zu lassen. Auktionsumstellungen haben regelmäßig eine Übergangsphase zur Folge, in der sich der Markt erst finden muss. In dieser Phase können extreme Preisausschläge auftreten. Dass die Übertragungsnetzbetreiber hier, wenn auch verspätet, unserer Argumentation gefolgt sind, begrüßen wir natürlich. Die Preisobergrenze stellt aus unserer Sicht das sachgerechteste Mittel dar, um die Interessen von Bilanzkreisverantwortlichen, Regelenergieanbietern und Übertragungsnetzbetreibern in solch einer Übergangsphase auszutarieren. 

Der These, dass der Regelenergiemarkt gescheitert ist, würden wir uns noch nicht anschließen wollen. Anders als die e2m haben viele kleinere Anbieter noch nicht die technischen Voraussetzungen geschaffen, um überhaupt auf diesem Markt zu agieren. Sofern zumindest ein Teil der Anbieter noch nachzieht, dürfte sich perspektivisch auch das Volumen am Regelarbeitsmarkt erhöhen und damit mehr Preisdruck entstehen. Anfang 2022 wird der nationale Regelenergiemarkt in eine gemeinsame europäische Regelenergiebeschaffung eingebunden. Damit stellt das aktuelle Beschaffungssystem an sich nur eine Übergangsphase mit begrenzter Lebensdauer dar. Vor Einführung des EU-Zielmarktmodells raten wir dringend von regulatorischen Schnellschüssen ab, um vermeintliche Verbesserungen des Wettbewerbs herbeizuführen. 

Die Fragen stellte Michaela Tix, energate-Redaktion Essen. Erschienen im energate messenger am 28. Mai 2021

Über die e2m:

Energy2market (e2m), gegründet 2009 am heutigen Hauptsitz in Leipzig, ist einer der größten Aggregatoren und Energiehändler für Erneuerbare Energien in Europa. Über ein eigenes Virtuelles Kraftwerk bündelt, überwacht und steuert der Energiedienstleister über 5.500 dezentrale Erzeugungsanlagen von erneuerbaren Erzeugern, Stromspeichern und Verbrauchern und vernetzt diese mit den Stromhandelsmärkten. Mit 3.259 MW (Stand 2021) vermarkteter Erzeugungsleistung aus EE-Anlagen gehört die e2m zu den größten Direktvermarktern für Energie und ist größter Poolanbieter für Regelenergie. Das Wirtschaftsmagazin Brand eins hat die e2m 2019 zu den innovativsten Unternehmen in der Energiebranche gekürt; FOCUS Business wählte das Unternehmen 2018 unter die „TOP 50 Arbeitgeber Mittelstand“. Mit der für die Vermarktung von Energie-Flexibilität notwendigen Infrastruktur, Marktzugängen zu allen deutschen und internationalen Handelsmärkten sowie langjährigem Know-how der rund 100 Mitarbeiter gestaltet die e2m den Energiemarkt der Zukunft mit. Seit September 2019 ist die e2m Teil der Erneuerbaren-Sparte Local Energy Management (LEM) des Energiekonzerns EDF. Mit e2m will die EDF-Gruppe den Übergang zu einer erneuerbaren und dezentralen Energiewelt schaffen.

Für Rückfragen und Bildwünsche wenden Sie sich bitte an:

Energy2market GmbH  I  Weißenfelser Str. 84  I  D–04229 Leipzig

Michael R. Richter  I  Marketing & Kommunikation

Tel.: +49 341 230 28 238 I  michael.richter@e2m.energy I  www.e2m.energy

 

Zurück

  • tüv rheinland
  • bdew
  • dlg
  • biogas
  • watt 2.0