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ZfK-Interview Redispatch 2.0, "Den Status Quo fortzuführen, ist für uns keine Option"

 
 

Der Testbetrieb für den bilanziellen Ausgleich innerhalb des Redispatch 2.0 ist beendet. Der Energiepolitikexperte Kurt Kretschmer von e2m ist über die Kommunikation des Vorgangs irritiert. Die Übergangslösung bedeute für Direktvermarkter bislang einen erheblichen Mehraufwand.

 

Herr Kretschmer, waren Sie überrascht, dass die beteiligten Verteilnetzbetreiber sowie Amprion und 50Hertz den Testbetrieb des bilanziellen Ausgleichs im Rahmen Redispatch 2.0 eingestellt haben?

Ja, "überrascht" trifft es gut. Das waren wir in mehrerlei Hinsicht. Zunächst hat uns die Ankündigung zur Einstellung des Testbetriebes und zur Rückkehr zur "BDEW-Überganslösung" als solche überrascht. Auch die Wahl der Kommunikation über den Verteilnetzbetreiber und das laute Schweigen von BNetzA und BDEW hat bei uns zu Irritation geführt. Am meisten hat uns allerdings überrascht, dass die Mitteilung als solche keinerlei Perspektive aufgemacht hat, wie die Netzbetreiber gedenken, die gesetzlich verbrieften Vorgaben zum bilanziellen Ausgleich von Redispatchmaßnahmen doch noch in angemessener Zeit umzusetzen.

Wie beurteilen Sie die vom BDEW erarbeitete Übergangslösung aus Ihrer Sicht als Direktvermarkter?

Hierzu muss man verstehen, dass die im Oktober 2021 aus der Not heraus geborene "Übergangslösung" nur bis spätestens Juni 2022 zur Anwendung kommen sollte.

Die angedachte Abrechnungsmethode "bilanzieller Ausgleich" stand am Tag Eins des Redispatch 2.0 nicht zur Verfügung und trotzdem wurden bereits in erheblichem Umfang Maßnahmen durch die VNB durchgeführt. Damit Anlagenbetreiber schnell für den Erlösausfall kompensiert werden konnten, haben wir als Direktvermarkter in Windeseile und nur auf einen überschaubaren Zeitraum angelegt, eine parallele Abrechnungsstruktur aufgebaut. So etwas bedingt natürlich, dass es sich nicht um einen voll automatisierten Abrechnungsprozess handelt, sondern gerade auch auf Direktvermarkter-Seite bis heute viel Personal mit der Abwicklung des finanziellen Ausgleichs gebunden ist.

Zusätzlich unterstellt die Übergangsregelung, dass der Direktvermarkter vorab über Redispatchmaßnahmen des Netzbetreibers informiert wird und so seinen Bilanzkreis entsprechend bewirtschaften kann. Die BNetzA hat darauf aufbauend für die Übergangslösung nicht den tatsächlichen Ausgleichsenergiepreis, sondern einen Mischpreis als Grundlage für die finanzielle Kompensation eingefordert. Tatsächlich bleiben solche Vorabinformationen aber immer noch in erheblichem Umfang aus. Womit der Direktvermarkter überhaupt nicht in der Lage ist, seinen Bilanzkreis entsprechend zu bewirtschaften und die Differenz zwischen Betreiberauszahlung und Ausgleich vom Verteilnetzbetreiber aus eigener Tasche tragen muss.

Dies sind nur zwei Gründe warum die Vorstellung den Status Quo auf unbestimmte Zeit fortzuführen für uns keine Option ist und das Ausbleiben eines alternativen Lösungsvorschlags uns, um es mit Ihren Worten zu sagen "überrascht".

Wie wirkte sich diese Entscheidung konkret auf Ihr Geschäft als Direktvermarkter für Biogasanlagen aus?

Hier kommt ein weiterer Punkt zum Tragen, weshalb der Status Quo keine dauerhafte Option ist.

Erfreulicherweise haben wir in den letzten Jahren beobachtet, dass sich immer mehr Biogasanlagenbetreiber für eine flexibilisierte und marktgerechte Fahrweise ihrer Anlagen entscheiden und auch entsprechende Investitionen getätigt haben. Auch verfestigt sich in letzter Zeit die Absicht vieler Bestandsanlagenbetreiber sich an der Ausschreibung für eine zweite Förderperiode zu beteiligen und im Rahmen dessen die eigene Anlage zu flexibilisieren. Um die Redispatchmaßnahmen der VNB mit den Fahrplänen solcher Anlage und auch mit der Regelenergieerbringung für die ÜNB bestmöglich in Einklang zu bringen, sollten diese im sogenannten Planwertmodell am Redispatchprozess teilnehmen. Zwingende Voraussetzung für das Planwertmodell ist aber ein funktionierender bilanzieller Ausgleich.

Ohne die Perspektive, dass der bilanzielle Ausgleich im Planwertmodell auch durch den Netzbetreiber umgesetzt werden kann, hat der Direktvermarkter keine Grundlage, auf derer er die nötigen Investitionsentscheidungen für die Einführung des Planwertmodells treffen kann. Leittragender ist der Anlagenbetreiber, da in der Alternative Prognosemodell ignoriert wird, was die Anlage nach Fahrplan getan hätte. Stattdessen wird nur der Arbeitsstand fortgeschrieben, der zu Beginn der Redispatchmaßnahme an der Anlage vorherrschte.

Wie nehmen Sie die derzeitige Haltung bei Anlagenbetreibern zum Redispatch 2.0 wahr: Herrscht große Unsicherheit?

Die Unsicherheit unter Betreibern ist dort am größten, wo auch häufig Redispatchabrufe auftreten, also insbesondere im Norden und in der Mitte Deutschlands. Die administrativen Herausforderungen im Redispatchprozess, als auch bei einer zeitnahen Kompensation, konnten wir unseren Betreibern erfreulicherweise recht geräuschlos abnehmen, in dem wir seit der ersten Stunde die Aufgaben des Einsatzverantwortlichen für unsere Betreiber übernommen haben. Unabhängig davon, ob der finanzielle Ausgleich der VNB erfolgt ist, nehmen wir Auszahlungen an unsere Betreiber vor, sobald die durch die Redispatchmaßnahme verursachte Ausfallarbeit vorliegt.

Die Erwartung gerade der flexibilisierten Betreiber an eine schnelle Einführung des Planwertmodells ist verständlicherweise hoch, da entgangene Erlöse durch Redispatch zu Recht wie Verluste für Anlagenbetreiber wirken. Redispatch 2.0 wird keine Unterstützung unter den EE-Anlagenbetreibern finden, solange diese in der Praxis immer wieder feststellen, dass sie nach der Maßnahme eben nicht so kompensiert werden, als hätte es die Maßnahme nicht gegeben. Umso stärker möchte ich nochmals betonen, dass wir sowohl von den Netzbetreibern als auch der BNetzA und dem BDEW zeitnah einen konkreten Umsetzungsplan erwarten, wie der bilanzielle Ausgleich doch noch auf Netzbetreiberseite realisiert werden kann.

Die Fragen stellte Julian Korb

Kurt Kretschmer ist verantwortlich für Energiepolitik bei der e2m – ein Tochterunternehmen der EDF SA. Seit 2016 begleitet er die e2m und ist heute verantwortlich für Energiepolitik auf deutscher und europäischer Ebene. Kretschmer hat an der juristischen Fakultät der TU Dresden Wirtschaftsrecht mit Schwerpunkt auf Regulierte Märkte und Energierecht studiert. Er ist Sprecher des Arbeitskreis Direktvermarktung des Fachverband Biogas e.V.

Mit freundlicher Genehmigung der ZfK

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